Die Bretter, welche die Welt bedeuten …

Auf einmal gibt es nur eins … die Bühne. Man weiß nicht mehr, wann der Vorhang hochgegangen ist, man weiß nicht, wann er runter geht. Man weiß gar nicht mehr, dass es da einen Vorhang gab. Man sieht die Bretter nicht, man sieht nur die Welt. Es gibt keine Zuschauer, es gibt keine Schauspielkollegen … Es ist jetzt und man lebt. Man lebt mitten in einer Rolle. Man ist in ein Kostüm geschlüpft und begegnet den im Drehbuch festgehaltenen Ereignissen. Man erleidet Schicksalsschläge. Man trauert, lacht. Es schmerzt, man weiß sich keinen Rat. Man wird von allen verlassen, steht alleine da – auf den Brettern, niemand kümmert sich um einen – das Leiden kann man der ganzen Körperhaltung, aus den Augen, aus dem gesamten Wesen ablesen. Man fällt auf die Knie, schüttet sich die Asche auf den Kopf, reißt die Haare aus, wendet die Augen zum Himmel, fleht Gott an, ihm zu helfen. Aber die Himmelskulisse antwortet nicht. Verzweifelt sucht man nach helfender Hand, aber die ist im Drehbuch nicht vorgesehen. Das Publikum tobt vor Begeisterung. GeschminktDer Schauspieler hat eine glänzende Leistung vollbracht! Der Vorhang geht runter, die Zuschauer bleiben mit Standing Ovations stehen, niemand bewegt sich. Der Vorhang geht hoch – der Schauspieler steht nicht lächelnd vor dem Publikum und verbeugt sich nicht dankend für die Anerkennung, nein! Er kniet noch immer in seiner letzten Pose, in seiner Verzweiflung, mit verzerrtem Gesicht. Mit leerem Blick starrt er ins Publikum, aber sieht es nicht. Das Applaudieren hat kein Ende – der Schauspieler ist wirklich grandios! Der Vorhang geht zum letzten Mal auf und runter, die Menschen beginnen das Theater zu verlassen. Niemand weiß, dass auf der Bühne der Schauspieler auch ohne sein Publikum noch immer kniet und leidet. Er ist verlassen, aufgegeben, hilflos, weiß nicht wie es weitergehen soll – das Drehbuch ist hier doch zu Ende. Bis hierher hat er es tausend Mal geübt, bis hierher hat er das Geschehen im Blut, aber was jetzt? Die Bühne ist leer, die Kollegen sind nach Hause gegangen, überall ist Dunkel, das Licht wurde ausgeschaltet. Irgendwo findet er noch Kraft, steht doch noch auf und tapselt sich durch das Theater hindurch, bis er schließlich auf der Straße landet. Im Kostüm, in der Schminke. Niemand erkennt ihn. Er sieht sich im Schaufenster, und er sieht sich nicht. Er ist noch immer in der Rolle, aber er weiß es nicht. Er identifiziert sich mit der Verkleidung und mit dem Stück, aber plötzlich gibt es Ungeübtes, Unvorhergesehenes. Die Welt um ihn herum weiß nicht, dass er nur spielt, er selbst doch auch nicht. Jeder begegnet ihm in seiner Rolle, nicht in seinem Ich. Er schaut wie ein armer Bettler aus, in zerrissener Kleidung, durch die Asche verschmutzt – viele wenden sich von ihm ab, einige werfen ihm bemitleidende Blicke zu, andere beschimpfen ihn, rufen ihm Beleidigendes nach. Oder trägt er möglicherweise eine Verbrechervisage? Die Leute flüchten, verstecken sich vor ihm, haben Angst – und er versteht es nicht. Er geht auf sie zu, versucht zu lächeln, bemüht sich Kontakt zu knüpfen, ein paar nette Worte zu sagen und … vielen kann er Angst aus den Augen ablesen. Einige attackieren ihn, werden aggressiv. Er versteht es nicht. Er wollte doch nur … Er wollte ein paar nette Worte sagen, nach dem Weg fragen … und dann auf einmal sieht er sich im Schaufenster. Eine furchterregende Gestalt! Ein in der Wut verzerrtes Gesicht, ein bedrohlich wirkendes Wesen glotzt ihm aus der Auslage entgegen. Das kann doch nicht wahr sein! Wie ist denn das passiert?! Das bin ich?! Das soll ich sein!? … Hilferuf … flüchtige Gedanken … ein Augenblick der Wahrheit? Sich endlich selbst erkennen …? Endlich sehen, wer man tatsächlich ist? Der Spiegel … sagt er die Wahrheit?

Aus dem Buch “Der Mensch und seine Heilung – Das göttliche Puzzle” Seite 136

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