Kraft und Ohnmacht

Klara schreibt in ihr Tagebuch:

Immer, wenn es einem von uns schlecht geht, scheint noch irgendetwas zusätzlich zu geschehen, das die Schmerzgrenze des scheinbar Erträglichen noch weiter ausdehnt. Eine Grenze, vor der ich schon von vornherein in meinen Gedanken panische Angst habe. Alles scheint in mir überzeugt zu sein: noch ein Stück, noch ein wenig, noch ein Schritt zum Abgrund und die Welt bricht zusammen, alles wird vorbei sein. Meine Kraft, mein Mut scheint mich endgültig zu verlassen, ich glaube, ich kann nicht mehr. Aber was soll ich machen, wenn ich es nicht mehr ertragen kann? Wenn der Druck zu groß ist? Wenn ich es nicht mehr aushalte? Mein ganzes Wesen schreit: „Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr …!“ Und? Es geht doch immer weiter – oder ist zumindest bis jetzt immer weitergegangen. Aus Angst vor einer solchen Situation, die unkontrolliert ausarten und mich über meine Kraftgrenze katapultieren und mir meine Klarheit und meinen Überlebenswillen rauben kann, suche ich in meinem Geiste andauernd nach Ausweichmöglichkeiten und Lösungen – bevor es zu spät ist. Was hilft es mir? Das Schicksal scheint mich auszutricksen. Es passiert letztendlich irgendetwas Unerwartetes, Unberechenbares. Liegt es an mir? Sind diese Zustände notwendig, oder sind sie vermeidbar? Würde ich mich von vornherein vor einer möglichen schrecklichen Situation nicht fürchten, würde sie dann auf mich auch so „atemraubend“ wirken? Macht sie nicht erst meine „anerzogene“ Angst so unerträglich? Es würde mir sicher helfen darüber zu sprechen, ich weiß nicht warum, aber bis ich mir selbst nicht klar bin, worum es geht, kann ich mit Jan über meine Sorgen und Zweifel nicht sprechen. Als müsste ich diejenige sein, die immer eine Antwort, eine Lösung bei der Hand hat und immer weiß, was zu tun ist. Was ist das in mir, was mich so denken lässt, was mich nicht aussprechen lässt, was mich bedrückt, wo ich unsicher bin? Dabei habe ich schon öfter die Erfahrung gemacht, dass schon das einfache Ansprechen und Aussprechen der Sorge oder meiner Zweifel und Fragen mich von einer großen Last befreiten und die gesuchte Lösung oder Antwort war auf einmal da. Immer wieder machte ich diese Erfahrung, die eine überraschende Wende meines Wohlbefindens ermöglichte und trotzdem, als hätte mein Organismus, mein Wesen noch nicht genug diesen Weg erforscht, ist er weiterhin misstrauisch und ängstlich geblieben. Er macht sich aufs Neue Sorgen, ängstigt sich, nur Verspottung und Erniedrigung dafür zu bekommen, dass er sein Innerstes entblößte und Schwäche zeigte. Ich weiß, dass Jan solche Reaktionen fremd sind, dass sie ihm gar nicht bekannt sind. Trotzdem, in solchen Kummermomenten scheint mich irgendetwas zu übernehmen, mir zuzuflüstern, dass ich auf dieser Welt ganz alleine und verlassen bin. Dieses Etwas scheint sogar Situationen herauszufordern, damit es dafür eine Bestätigung findet. Als müsste ich selbst immer perfekt sein, als dürfte ich nie einen Fehler machen, als dürfte ich nie Schmerz und „den Blues“ haben. Als wäre es nicht menschlich, nicht normal – als wäre ich nicht normal. Was ist es nur, dieser Teil, der mich selbst boykottiert und mich, wie zuletzt, an den Rand meiner Kräfte, bis zur Ohnmacht treibt?

Und weiter schrieb sie noch:

Es sind meine Ängste und meine Vorstellungen, die irgendwo in mir schlummern, zu denen ich scheinbar keinen bewussten Zugang habe und die außerhalb des Containers keinen Boden fanden, um sichtbar zu werden, als hätte ich damals keine Zeit für sie gehabt. Wer weiß das schon? Jetzt scheint es, als hätten sie nur gewartet, bis ich in dieser Abgeschiedenheit eine ruhige Minute finde, damit sie mich aus meinem Gleichgewicht, meiner Mitte bringen und mich verrückt machen oder mich aufrütteln können. Warum bin ich immer nur so ernst? Warum kann ich so wenig lachen? Gerade hier gibt es genügend Kleinigkeiten, über die man sich immer wieder freuen kann. Schon alleine die Tatsache, dass Jan Muskelkater nicht kannte und dachte, dass er deswegen sterben müsste, ist doch irgendwie zum Schmunzeln. Es scheint so, als hätte ich mir Heiterkeit und Fröhlichkeit verboten, abgewöhnt, als denke ich in mir, dass ich nur dann ein guter Mensch bin, wenn ich zu allem gewissenhaft und ernsthaft stehe. Schon meine Notizen werden einmal sicher den Eindruck wecken, dass es hier im Container für mich reine Qual war und dem ist sicherlich nicht so. Nur irgendwie … die freudigen Augenblicke lebt man einfach, man ist dabei, über sie grübelt man nicht nach.

Aus dem Buch „Erwachen im MenschSein – Das Experiment“ S. 181

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